Rede des deutschen Botschafters Christian Heldt anlässlich der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Endes des ersten Weltkriegs am 11.11.2017

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--Es gilt das gesprochene Wort--

"Cher Didier,

Verehrte Kolleginnen und Kollegen Botschafter, Angehörige des Diplomatischen Corps,

sehr geehrte Damen und Herren, vor allem aber liebe europäische Landsleute aus Deutschland und Frankreich,

wir sind heute vereint in der Trauer um die Toten aller Kriege, insbesondere der des I. Weltkriegs, derer in vielen Ländern heute besonders gedacht wird. Es ist ein eher stilles Gedenken, anders als beispielsweise bei uns im Deutschen Kaiserreich vor 100 Jahren, als öffentlich der Heldentod zelebriert wurde. Seither ist noch viel Schrecklicheres geschehen, was uns Europäer heute als Friedensgemeinschaft zusammengebracht hat. Denn das Massensterben von Hunderttausenden von Menschen für den Gewinn von wenigen hundert Metern vor oder zurück hat erstmals das Grauen des modernen Krieges gezeigt. Orte wie Verdun sind traurige Menschheitsgeschichte geworden.

Gedenkveranstaltung Bild vergrößern Gedenkveranstaltung (© Deutsche Botschaft Pristina)

Der Gang über Soldatenfriedhöfe hat mich immer stumm gemacht, insbesondere bei der Vorstellung, wieviele gerade junge Menschen ihr Leben, ihre Träume nicht leben durften. Zurückgeblieben ist die Trauer von Ehefrauen, Müttern, Kindern. In der zentralen Gedenkstätte in Berlin steht nun seit Jahren die Pieta der Künstlerin Käthe Kollwitz, eine trauernde Mutter, die ihren toten Sohn in den Armen hält. Die große Käthe Kollwitz, die selbst ihren zweiten Sohn im Jahr 1914 verloren hat und danach zur überzeugten Kriegsgegnerin wurde.

Die düsteren Vorahnungen des damaligen britischen Außenministers  Sir Edward Grey am Abend des Beginns des I. Weltkrieges sollten sich bewahrheiten: „In ganz Europa gehen die Lichter aus, wir alle werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen“. Grey starb 1933, ihm blieb das Miterleben der von Deutschland ausgehenden Menschheitskatastrophe erspart, die 1945 in Zerstörung und zigmillionenfachem Tod endete. Der I. Weltkrieg, bereits als Zeitenwende empfunden, wurde noch übertroffen.

Gedenkveranstaltung Bild vergrößern Gedenkveranstaltung (© Deutsche Botschaft Pristina)

Wir Europäer haben danach etwas Neues geschaffen: Was Aristide Briand und Gustav Stresemann mit ihrer Friedensvision in den 20er Jahren versagt blieb, ist mutigen Europäern wie Robert Schuman und Konrad Adenauer gelungen. Die Schrecken dreier Kriege in nur 75 Jahren haben Franzosen und Deutsche zu einer Schicksalsgemeinschaft als europäischen Motor vereint. Es waren vor allem Millionen ganz normaler Bürger unserer beiden Länder, die den Mut hatten, Vorurteile und Wunden der Vergangenheit hinter sich zu lassen und neues Vertrauen zu schaffen. Heute ist ein Krieg zwischen unseren Ländern undenkbar geworden. Daß die Gefahr von bewaffneten Konflikten auf unserem Kontinent nach 1945 nicht völlig gebannt war, zeigt der Krieg hier 1999. Für uns Deutsche war dies der erste bewaffnete Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr an der Seite unserer Alliierten. Ich begrüße stellvertretend für die KFOR auch die Soldaten der Bundeswehr, die heute unter uns sind.  In diesem Land mußte Frieden geschaffen werden, nachdem er von anderer Seite gebrochen wurde. Deshalb stehen wir Europäer ohne falsches Pathos zu der Notwendigkeit der Verteidigung unserer Werte im transatlantischen Bündnis. Kosovo hat dies den Frieden und die Freiheit zurückgebracht. Vor allen Toten dieses Einsatzes verneigen wir uns heute auch."